Buchtipp zum Buch Die Assistentin von Caroline Wahl
von Silvia Süß
Als begeisterte Leserin der beiden ersten sozial kritischen und mitten ins Herz treffenden Romane der jungen Autorin war die Neuerscheinung dieses dritten Werkes ein absolutes „must have and read“ für mich. Um so überraschter und zumindest zu Beginn des Lesens irritierter war ich, dass sich Caroline Wahl hier auf ein ganz anderes Terrain begeben hat.
Die junge Protagonistin Charlotte aus Köln hat eigentlich den Traum, Musikerin zu werden - eigene Songs zu komponieren und zu veröffentlichen. Gleichwohl sie mit Anfang 20 erwachsen ist, kämpft sie nach wie vor um die Anerkennung ihres Vaters. Sie attestiert sich selbst einen Vaterkomplex, der durch die verbale Verstärkung der Botschaften des Vaters durch die Mutter dazu führt, dass sie sich entgegen ihrer eigenen Vorstellungen auf die
Stelle einer administrativen Assistentin bei einem renommierten Verlag in München bewirbt. Sie will sich im Hinblick des Erwartungsdrucks der Eltern, auch ihres eigenen, zur erfolgreichen, unabhängigen Verselbständigung beweisen – und sie bekommt den Job.
Charlotte selbst tröstet sich zunächst mit Aussicht auf einen schönen Sommer in München an der Isar. Sie findet eine kleine Wohnung in einem dubiosen, etwas herunter gekommenMietshaus. Trotz alledem tritt sie die Stelle an mit dem Ziel, sich professionell erfolgreich zu entwickeln und sich im Umgang mit dem narzisstischen und schwierigen Verleger zu behaupten und seine Gunst im Hinblick der Unentbehrlichkeit und der ersten und einzigen Assistentin zu manifestieren.
Der Roman bewegt sich in einem kurzen Zeitfenster zwischen Sommer und Winter. Gleichwohl kommt dieses der Leserin wie eine Endlosschleife von Lob und Kritik sowie übergriffige, zum Teil zerstörerische Kommunikationen und Forderungen via Mail seitens des eigentlich ungeeigneten und überforderten Verlegers und den Reaktionen, Aktionen von Charlotte vor.
Es braucht einige Zeit der Realisierung der krankmachenden Arbeitsstruktur mit ihrem Chef und dem Verlag, bis Charlotte ihre zunehmend physischen sowie psychischen Warnsignale real wahrnimmt und beschließt, aus dem krankmachenden System auszusteigen.
Ich als Leserin habe lange genug gebibbert und mitgelitten, ob ihr das gelingt. Und ja, ich bin froh, dass ihr das gelungen ist. Und ja, es gibt auch ein Happyend… mehr wird nicht verraten. Dieses Buch richtet sich vor allem an junge Frauen, Leserinnen in der Berufsfindungsphase, aber auch an Mütter, Väter, Eltern, die ihr Kind dabei positiv-konstruktiv in Achtung der individuellen, persönlichen Wuensche, Stärken und Ziele und nicht persönlicher elterlicher Erwartungshaltungen unterstützen.
Ich finde dieses Buch absolut lesenswert und aufmerksamkeitserregend im Sinne nach wie vor bestehender männlicher Machtstrukturen und grenzüberschreitendem Verhalten gegenüber Frauen.
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