Indienfahrt - Teil 2
Nach den intensiven Tagen in den Städten und an den heiligen Orten Keralas tat der Tag in den Backwaters gut. Schon die Fahrt nach Alleppey war wie ein langsames Hineingleiten in eine andere Welt. Als wir schließlich auf das Hausboot stiegen, wurde der Lärm der Straßen von einem Moment auf den anderen abgelöst durch Stille, durch Wasser, durch das leise Schlagen der Wellen gegen den Bootsrumpf. Fast geräuschlos (allerdings mit Dieselmotor) glitten wir durch die Kanäle. Kokospalmen neigten sich über das Wasser, dahinter weite Reisfelder, dazwischen kleine Häuser, Kinder, die uns zuwinkten, Fischer in schmalen Booten. Das Mittagessen an Bord – frisch zubereitet, würzig, ganz anders als zuhause – war mehr als nur eine Mahlzeit. Es war Teil dieses entschleunigten Lebensgefühls. Viele von uns saßen lange an Deck, schauten, schwiegen, ließen die Eindrücke wirken. Man merkte: Diese Landschaft tut nicht nur den Augen gut, sie tut auch der Seele gut.
Am Abend erreichten wir Kumarakom. Unser Hotel lag eingebettet in tropisches Grün, direkt am Wasser. Der nächste Tag stand zur freien Verfügung – und genau das wurde er auch: ein Tag zum Durchatmen. Einige erkundeten mit dem Fahrrad oder dem Tuk-Tuk die nähere Umgebung, andere blieben bewusst im Resort, suchten Schatten, Wasser, Ruhe. Besonders eindrucksvoll war die Vogelwelt: Reiher, bunte Eisvögel, Schwärme von Wasservögeln. Am Abend, bei Tee, Musik und Gesprächen, wurde deutlich, wie gut dieser Tag der Gruppe tat. Man lernte sich noch einmal anders kennen – nicht im Programm, sondern im Dasein.
Von der Weite des Wassers ging es am nächsten Tag in die Berge: nach Thekkady. Die Landschaft veränderte sich spürbar. Teeplantagen, Gewürzgärten, Nebel über Hügeln, kühlere Luft. Kerala zeigte uns noch einmal ein ganz anderes Gesicht. In den Gewürzgärten rochen wir Zimt, Kardamom, Pfeffer, Vanille – vieles, was wir aus der Küche kennen, bekam plötzlich Farbe, Pflanze, Herkunft. Bei einer kurzen Ayurveda-Massage und einer Kochvorführung wurde uns etwas von der Lebensphilosophie dieser Region nahegebracht: Gesundheit als Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele.
Ein besonderer Höhepunkt war die Bootsfahrt auf dem Periyar-See im Naturschutzgebiet. Früh am Morgen, als der Dschungel noch im Dunst lag, fuhren wir hinaus. Affen in den Bäumen beim Anleger - nicht immer freundlich, und viele Vögel. Es war kein Zoo, – eher ein stilles Schauspiel - in der Ferne waren Wasserbüffel erkennbar. V
Dann Tamil Nadu. Madurai. Lauter, voller, farbiger. Der Blumenmarkt war eine Explosion von Gerüchen und Farben. Girlanden aus Jasmin, Rosen, Ringelblumen – und mittendrin wir, staunend, fotografierend, manchmal auch etwas überfordert. Der Meenakshi-Tempel beeindruckte durch seine Größe, seine Türme, seine unzähligen Figuren. Auch wenn uns diese Welt religiös fremd ist, war spürbar: Hier suchen Menschen Gott. Ernsthaft. Seit Jahrhunderten. Das bleibt nicht ohne Wirkung.
In Pondicherry wechselte erneut die Atmosphäre. Breite Straßen, Kolonialbauten, eine gewisse Ruhe. Fast europäisch – und doch eindeutig Indien. Der Besuch einer Schule und der Ausflug nach Auroville öffneten den Blick für moderne spirituelle Suchbewegungen, für Versuche, Gesellschaft neu zu denken. Nicht alles war uns nah, aber vieles war anregend.
Am nächsten Abend dann Karunai. Der Besuch der Kinderhilfe war für viele der emotionalste Moment der ganzen Reise. Die Mädchen, ihre Offenheit, ihre Freude, ihre Tänze – und zugleich die Geschichten, die hinter manchen Gesichtern stehen. Armut, Ausgrenzung, schwierige Familienverhältnisse. Und hier ein Ort, der Schutz gibt, Bildung, Zukunft. Wir feierten miteinander, aßen gemeinsam, lachten, waren verlegen, gerührt, dankbar. Für viele war es einer der stärksten Augenblicke dieser Fahrt: Kirche nicht als Gebäude, sondern als gelebte Hoffnung.
Hier ein kleines Video, was die Eindrücke zeigt: https://photos.app.goo.gl/MdQdqYmpiKeUNDZY8
Der Brief von Pastor Lüken an die Kinder in Karunai:
2026-Grußwort-Karunai.pdf
Nach den intensiven Tagen in Madurai und Pondicherry führte uns der nächste Weg nach Mahabalipuram. Schon die Landschaft unterwegs ließ spüren, dass wir uns dem Meer näherten. Palmen, salzige Luft, ein weiter Horizont. Mahabalipuram selbst war wie ein großes offenes Geschichtsbuch aus Stein. Die aus dem Fels gehauenen Tempel, Reliefs und Höhlen zeugen von einer unglaublichen Schaffenskraft und Religiosität. Besonders das gewaltige Relief von Arjunas Buße beeindruckte viele von uns: unzählige Figuren, Götter, Menschen, Tiere – und mitten darin der Mensch, der sucht, bittet, ringt. Es war leicht, sich in diesen Bildern zu verlieren. Nicht wenige blieben länger stehen, schauten, schwiegen, fotografierten – und versuchten, das Gesehene innerlich einzuordnen.
Die Five Rathas, diese aus einem einzigen Felsen geschlagenen Tempelbauten, wirkten wie ein steinernes Experimentierfeld des Glaubens. Sie waren nie „fertig“, nie im eigentlichen Sinn genutzt, und doch strahlen sie bis heute eine tiefe Religiosität aus. Mahabalipuram war für viele ein Ort, an dem spürbar wurde, wie sehr der Mensch seit jeher versucht, dem Unsagbaren Gestalt zu geben.
Von dort ging es weiter nach Chennai. Großstadt. Verkehr. Hitze. Hupen. Und zugleich: Christentum. Kirche. Apostelgeschichte. Die Stadt, die früher Madras hieß, ist untrennbar mit dem Apostel Thomas verbunden. Der Besuch auf dem St. Thomas Mount war für unsere Gruppe ein stiller, dichter Moment. Der Ort, an dem der Überlieferung nach Thomas den Tod fand, schenkte uns einen weiten Blick über die Stadt – und zugleich einen Blick nach innen. Hier war nicht mehr nur Kulturprogramm. Hier waren wir als Pilger.
Noch eindrücklicher wurde dies in der St.-Thomas-Kathedrale. Dass sich unter diesem Kirchenraum das Grab eines Apostels befindet, war für viele bewegend. Wir feierten dort Eucharistie. Worte waren eigentlich nicht nötig. Die Verbindung der jungen Kirche mit unseren heutigen Gemeinden wurde hier auf besondere Weise spürbar. Der „ungläubige Thomas“ – der Suchende, der Fragende, der Glaubende – wurde an diesem Ort für viele zu einer Identifikationsfigur.
In den folgenden Stunden blieb noch Zeit, Chennai wahrzunehmen: Märkte, Straßen, Meer, Alltag. Und doch lag über allem schon ein leiser Abschiedston. Man spürte: Diese Reise geht zu Ende, aber sie bleibt nicht folgenlos.
Am letzten Abend kamen wir noch einmal zusammen. Gespräche, Dank, gemeinsames Essen. Viele versuchten, in Worte zu fassen, was diese Tage bedeutet hatten: die Armut und die Würde der Menschen, die Fröhlichkeit der Kinder in Karunai, die Kraft fremder Religionen, die Schönheit der Natur, die Erfahrung von Gemeinschaft in unserer Gruppe. Indien war uns nicht vertraut geworden – aber es war uns nahegekommen.
Am frühen Morgen hieß es Abschied nehmen. Abschied von Pastor Charles Raya und seiner Heimat. Abschied von einem Land, das uns gefordert, beschenkt, manchmal auch überfordert hatte. Über Dubai flogen wir zurück nach Düsseldorf. Im Flugzeug: Schlaf, Fotos, Gespräche, Stille.



